Studienabbruch und Praxisbezug

 

Vom Problem des Studienabbruchs sind die einzelnen Hochschul-, Abschluss- und Fächerarten ganz unterschiedlich betroffen. Am niedrigsten ist die Abbrecher-Quote in den Studiengängen zum Staatsexamen: Hier gibt nur jeder Zehnte auf. Bei den Bachelor-Studenten an Universitäten dagegen bricht jeder Dritte vorzeitig ab, bei Studenten der Ingenieurwissenschaften sogar jeder zweite.

Damit hat sich die Situation gegenüber den Anfangsjahren des Bologna-Prozesses bedauerlicherweise wieder verschlechtert. Die niedrigen Abbruchquoten des Jahres 2006 dürften darauf zurückzuführen sein, dass einige erfolgreiche Reformstudiengänge die Statistik vorübergehend positiv beeinflusst haben.

An den Fachhochschulen dagegen kommen die Bachelor-Studierenden nach Anfangsproblemen mittlerweile viel besser zurecht. Hatte der Jahrgang 2006 noch eine Abbrecher-Quote von 39 Prozent, so ist es den Fachhochschulen bis 2010 gelungen, 81 Prozent eines Anfängerjahrgangs erfolgreich zu einem Abschluss zu bringen. In den Ingenieurwissenschaften sind es immerhin noch 70 Prozent. Deutlich früher als die Universitäten haben sich die Fachhochschulen bemüht, ihr didaktisches Angebot an die neuen Studienstrukturen anzupassen und kontinuierlich zu verbessern. Das zahlt sich nun aus.

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Gründe für Studienabbruch

Insgesamt 2.500 Studienabbrecher von 54 Universitäten und 33 Fachhochschulen wurden befragt, warum sie ihr Studium nicht zu Ende brachten. Drei unterschiedliche Gruppen ließen sich in diesem Zusammenhang identifizieren:

  • Leistungsprobleme. Jeder Fünfte gibt als entscheidenden Grund an, den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen zu sein. Hinzu kommen 10 Prozent, die explizit das Nichtbestehen von Prüfungen als entscheidenden Abbruchgrund nennen. Bei den Ingenieurwissenschaften sind diese Gründe besonders häufig von Belang.
  • Finanzierungsprobleme. Ein weiteres Fünftel brach das Studium nach eigenen Angaben primär wegen finanzieller Probleme ab und sieht auch keine Möglichkeit, neben dem Studium zu arbeiten.
  • Mangelnde Motivation. Weitere 20 Prozent der Befragten nannten als Hauptgrund für ihren Studienabbruch „fehlende Motivation für das Studienfach“ beziehungsweise „mangelndes Interesse für die Berufsperspektiven“.

Am höchsten ist die Abbruch-Wahrscheinlichkeit dann, wenn alle drei Problemlagen zusammentreffen. Eine bessere fachliche Vorbereitung und Unterstützung durch die Hochschule, eine ausreichende Studienfinanzierung für Bedürftige und eine bessere Aufklärung über Studien- und Berufsinhalte sind somit die wesentlichen Ansätze, um das Problem des Studienabbruchs besser in den Griff zu bekommen.

Praxisbezug: Nachbesserungen nötig

Leistungsprobleme und mangelnde Kenntnisse über berufliche Inhalte könnten auch mit einem besseren Praxisbezug im Studium aufgefangen werden. Studien zeigen, dass aktive und praxisbezogene Formen des Lernens gleich mehrere positive Effekte haben. Sie vertiefen die fachlichen Kenntnisse und bieten ein gutes Training für die spätere Anwendung des theoretischen Wissens. Auch die – aus Sicht der Unternehmen entscheidende – Fähigkeit des selbstständigen Arbeitens wird durch ein praxisorientiertes Studium besonders entwickelt.

Besonders bewährt haben sich praxisbezogene Projekte, die von Studierenden ausgeführt werden, und Lehrveranstaltungen, die von Vertretern aus der Praxis abgehalten werden. Vor allem für Bachelorstudiengänge im Ingenieurbereich ist die Integration von relevanten Fragestellungen aus der Berufspraxis durch problem- und projektbasierte Lernformen von großer Bedeutung für die Vermittlung von Berufsfähigkeit und auch für die Motivation der Studierenden.

Gerade beim Praxisbezug des Studiums aber gibt es aus Sicht von Absolventen und Unternehmensvertretern oft Defizite. Studienbegleitende Pflichtpraktika werden nicht ausreichend in das Studium integriert. Die Einübung beruflich-professionellen Handelns und die Vorbereitung auf den Beruf kommen vielfach zu kurz. Dies gilt vor allem für das Studium an Universitäten. So erstaunt es wenig, dass die Unternehmen sowohl bei den Bachelor- als auch bei den Masterstudiengängen in erster Linie nicht fachliche Mängel, sondern den fehlenden Praxisbezug beklagen. Hier besteht dringender Nachbesserungsbedarf.

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Ansprechpartner

Literatur

DAAD (Hrsg.), 2011, Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt. Die Sicht deutscher Unternehmen auf Auslandserfahrungen und Qualifikationen, Eine Befragung im Auftrag des DAAD durchgeführt von der Institut der deutschen Wirtschaft Consult GmbH und dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Bonn

Heublein, U.; Richter, J.; Schmelzer, R.; Sommer, D., 2012, Die Entwicklung der Schwund- und Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen. Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2010 (HIS: Forum Hochschule Nr. F03/2012), Hannover

Heublein, U.; Hutzsch, Ch.; Schreiber, J.; Sommer, D.; Besuch, G., 2010, Ursachen des Studienabbruchs in Bachelor- und in herkömmlichen Studiengängen (Projektbericht, 2010). Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Exmatrikulierten des Studienjahres 2007/08, Hannover

Konegen-Grenier, Christiane, 2012, Die Bologna-Reform. Eine Zwischenbilanz zur Neuordnung der Studiengänge in Deutschland, Beiträge zur Ordnungspolitik aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Nr. 53, Köln